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Veröffentlicht am 25.11.2015 von nemesis

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Interview Darkside

Darkside über Cognitive Dissonance – Die chronische Opposition

Grundsätzlich hat fast jede Stilrichtung der Musik viel Gleichförmigkeit zu bieten, während die wirklich kreativen Köpfe eher rar gesät sind. Mit Darkside haben unsere österreichischen Nachbarn eine solche Band am Start und deren Scheibe Cognitive Dissonance haut einem nicht einfach abgenudelten Death Metal der Marke 08/15, sondern präsentiert sich erfrischend vielseitig, facettenreich und mit viel Tiefgang versehen.

Vielschichtig

Zugegeben, es ist immer Geschmacksfrage, ob man nun cleanen Gesang bevorzugt oder grummligere Parts, und ist es ebenso klar, dass sich einem der Silberling nicht beim ersten Durchhören komplett erschließt. Zu viele überraschende und ungewöhnliche Stilelemente mischen sich in die Songs. Hat man die Tracks aber erst mal geknackt, entfalten sie ihre Wirkung ganz von selbst. Doch wie es außergewöhnlichen Scheiben nun mal so ist, gibt es immer Kritiker auf der einen und höchstes Lob auf der anderen Seite. „Die Reaktionen der Leute sind sehr unterschiedlich, man könnte schon fast sage, sie scheinen geographisch geordnet zu sein. In Österreich kamdie Platte sehr gut an, in Deutschland und auch Benelux ist es schon schwieriger. Die restlichen Länder reagieren größtenteils sehr positiv auf Cognitive Dissonance.

Aber um ehrlich zu sein, will ich mir über diese scheinbare ‚Länderabhängigkeit’ gar keine Gedanken machen.

Originalität muss sein

Gut, unsere Musik ist alles, nur nicht trendy. Sie ist vielschichtig und entspricht nicht den gängigen Schemen.“ Beginnt Sänger und Keyboarder Wolf Süssenbeck das Gespräch. Doch genau das ist es auch, was Darkside sein wollen: Nicht die Norm. „Für uns steht es an erster Stelle, originell zu sein, auch wenn diese Einstellung nicht besonders verkaufsfördernd ist, haha. Manche brauchen Kommentare wie ‚diese Scheibe klingt wie….’ Unsere Musik entsteht nicht für die Kritiker oder solche, die sich dafür halten, sondern allein für uns und unsere Fans. Manche sahen den Titel der aktuellen CD schon als Frechheit, da wir damit ja gleich von vornherein behaupten würden, die Leute würden das Material eh nicht verstehen.“

Kritik als Antrieb der anderen Art

Stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht dann doch für ein wenig geistige Kurzsichtigkeit, den Titel genau und ausschließlich so aufzufassen und darüber zu urteilen anstatt mal ein bisschen mehr darüber nachzudenken. „Wir sind so eine Art chronische Opposition. Je mehr wir auf Kritik stoßen, umso extremer werden wir. Das resultiert aus dem Werdegang der Band. Wir sind nicht von Beginn an in Österreich auf sonderlich viel Akzeptanz gestoßen, vielmehr konnten wir uns eine erste Basis in der Tschechei aufbauen. Und als es dort ganz gut für uns lief und wir auch live unterwegs waren, wurden unsere Landsleute langsam auf uns aufmerksam. Erst wurde uns in Österreich vorgeworfen, dass wir für Aufnahmen in die Tschechei gehen würden anstatt im eigenen Lande zu bleiben.

Viele haben uns erst auf der gemeinsamen Tour mit Therion und Moonspell entdeckt.

Auch daheim alles im Lot

Klar, dass dann auch Sprüche von solchen Neuentdeckern kommen wie ‚ich wusste ja schon immer, dass die Band gut ist’, bla bla. Von diesen Reaktionen habe ich zu diesem Zeitpunkt erst mal Magenschmerzen bekommen, denn der Umschwung erfolgte mir ein bisschen zu plötzlich. Aber mittlerweile passt die Situation für uns auch in Österreich.“ Wolf erzählt auch, dass Darkside nicht selten Anfeindungen und Intrigen ausgesetzt waren. Kaum verwunderlich, dass man dann irgendwann bissig reagiert und sich absolut nicht mehr der Meinung anderer beugen will, wenn einem nicht danach ist und dann noch lieber sein eigenes Ding durchzieht.

Wenn sich Sachen von selbst erledigen

„Einige dieser Probleme haben sich von selbst erledigt, denn während Darkside noch da waren, waren die meisten der angesprochenen Personen nicht mehr in der Szene unterwegs. Es ist unter anderem die Hartnäckigkeit, die Darkside auszeichnet. Allein, wenn ich von mir ausgehe: Ich mache nun seit 1982 Musik, erst war´s die Punk-Ecke und dann kam Metal. Peter (Durst, guit) und ich sind mittlerweile die einzigen Originalmitglieder der Band. Wir sind sicher keine Chart-Band, haben vieles geschafft, was anderen nicht gelingt, wie etwa die Tour mit Therion und Moonspell oder auch die Tatsache, dass wir unsere vierte Scheibe selbst produziert haben.

Nix Trends

Der Produzent, mit dem wir zuvor gearbeitet haben, meinte nach den Erfolgen von Rammstein und Co., wir müssten nun auch so klingen und das war´s ja echt nicht. Ich würde nie in einer Band spielen wollen, deren Musik mir nicht gefällt. Für Vorschläge sind wir jederzeit offen, aber wir müssen eben davon überzeugt sein. Darkside sind im Death Metal verwurzelt und durchaus offen für andere Elemente.

Aber wir würden niemals einen Stilbruch in Richtung Rammstein etwa betreiben.“

Zudem betrachtet Wolf die Magazin-Szene von einem interessanten Standpunkt: „Eine Kritik ist nicht mehr als die Meinung eines einzelnen. Das Problem ist nur, dass sich viele Läden nach den Meinungen von drei oder viere Mags richten und dementsprechend ihr Sortiment gestalten. So passiert´s halt dann, dass gute Scheiben für Interessenten schwer zu bekommen sind, nur weil sie in einigen Magazinen eben nicht so toll abgeschnitten haben. Die Metal-Szene verkommt immer mehr zu einer Kommerz- und Geld-Geschichte. Kommst aus´m Norden und läufst mit ´nem angeschmierten Gesicht rum, bekommst auch ´nen Plattenvertrag. Es ist sagenhaft, wieviel Müll oft gesignt wird.“

Musikmonster

Das Traurige ist, dass das ja alles stimmt. Doch wie Wolf bereits angedeutet hat, haben Darkside nicht vor, sich dieser Maschinerie anzugleichen, was für die nächste Platte einiges verheißt. „Die nächste Scheibe sollte auf jeden Fall ein Stück extremer und auch schwieriger als Cognitive Dissonance. Es soll eine Doppel-CD geben, bei der sich das erste Album fließend, also ohne musikalische Pause, mit der sumerischen Mythologie auseinandersetzen wird und die zweite Platte vier neue Stücke, drei Coversongs und ein bisschen unveröffentlichtes Material enthalten wird.

Um das Thema der sumerischen Mythologie auch vernünftig rüberbringen zu können, wird es ein kleines Buch mit der CD geben, eine Art Pandemonium mit allen Gottheiten dieser Epoche. Ebenso werden dort auch die Hauptfiguren unserer Geschichte vorgestellt werden und der historische Hintergrund zum Tragen kommen. Ich hab mir ungefähr 140.000 Seiten aus dem Internet zu dieser Thematik runtergeladen, um die jeweiligen Infos zu haben. Das wird schon ein schwieriges Unternehmen und ich hoffe echt, dass uns das so gelingt, wie es uns vorschwebt.“

Man wird dann auch sehen, ob solche Projekte und Konzeptalben zur Abwechslung auch mal wieder gewürdigt werden oder ob es sich einfach macht und nur nach der Musik, nicht aber nach der akribischen Arbeit dahinter urteilt.

Tod und Teufel ausgereizt

„Dieses anti-christliche Klischee wurde meiner Meinung nach schon bis zum Erbrechen ausgereizt. An jeder Stelle taucht die ‚Zahl des Teufels’ auf, jede Band quäkt irgendwas von Tod und Teufel daher, doch fehlt mir meist der wirkliche Anspruch. Angesprochene Zahl hatte auch bei den Sumerern ihre Bedeutung, in der Kabbalistik auch dieselbe wie im Christentum, allerdings hat es sich die damalige Kultur nicht so einfach gemacht und die Welt in Schwarz und Weiß unterteilt. Es gab verschiedenen Gottheiten, natürlich auch mit einem Obersten und nicht einen Teufel, sondern verschiedene Dämonen. Mit unserer Platte werden wir nicht auf diesen anti-christlichen Zug aufspringen, sondern eine Mischung aus Fakten, Science Fiction und Historie zusammenbasteln.

Teile dieser Mythologie sind auch direkt in das Judentum übernommen worden – ein Relikt aus der Zeit, als die Juden in Babylon festsaßen“, bringt Wolf ein wenig Licht ins Dunkel.

Niemand ist ausschließlich böse

„Der Teufel ist meiner Meinung nach eine Erfindung des Christentums, ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass nicht einmal mehr Geistliche diese ganze Sache mit einer, nennen wir es mal, feineren Feder betrachten. Ich glaube nicht unbedingt, dass es DAS Böse, das Allesvernichtende an einer Stelle gibt.“ Nun sind aber die Comics mit dem berühmten Engelchen und Teufelchen auf der Schulter nicht so weit hergeholt, denn wie oft fühlt man sich zwischen Eigennutz und Gewissen hin und her gerissen. „Und diese Gefühle obliegen nicht immer dem eigenen Einfluss oder habt ihr schon mal beschlossen, euch jetzt auf der Stelle glücklich oder unglücklich zu fühlen?? Böses existiert, ohne Frage. Doch ist kein Mensch ausschließlich böse. Es sind verschiedene Einflüsse, die einen Menschen zu seinem Denken und Handeln veranlassen – kritisch wird es, wenn zu viele düstere Einflüsse auf einmal zusammen kommen und für etwas anderes kein Platz mehr ist.

Das geschieht aber relativ selten.“ Ob diese Einflüsse mitunter Grund für bösartige Momente bei Geisteskranken sind, scheint eine interessante Theorie. Mit normalem Denken kann man Dinge wie etwa eine Persönlichkeitsspaltung oder auch Schizophrenie (bitte nicht beide verwechseln) nur schwer nachvollziehen. „Ganz ehrlich: Ich würde gern einmal wissen, was in diesen Menschen in solchen Momenten, in denen alles umzuschlagen scheint, vorgeht. In dieser Richtung, also bezüglich spiritueller und psychologischer Dinge, ist mein Wissensdurst ungestillt. Ich kann es mir jedenfalls gut vorstellen, dass diese Theorie gar nicht so abwegig ist.“

photocredit: http://www.metal-archives.com/bands/Darkside/8107

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