Interviews

Veröffentlicht am 02.12.2015 von nemesis

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Interview Die Allergie

Lieber ein neues Auto als Realität

Ebenfalls mal wieder mit einer weiteren Scheibe um die Ecke gebogen waren diese Vertreter der NDH. Und eigentlich ist es Sänger Albi Lay schon fast wieder unheimlich, wie gut Virus III bei der Szenerie ankam. So ist das eben, wenn man sich in die Arbeit reinstresst, noch nicht mal ganz abschalten kann und keine Distanz zum eigenen Material hat. Dann muss man eben zappeln, um nach dem Veröffentlichungstermin zu sehen, ob sich die Arbeit auch gelohnt hat.

„Ein Grund, dass wir bis jetzt sehr gut weggekommen sind, war sicher auch, dass wir bereits vor Fertigstellung des Materials auf die Magazine zugegangen sind. Es kommt nun mal persönlicher rüber, wenn man die Journis zum Studiobericht oder dergleichen einlädt. Die Verbindungen der zuständigen Promo-Firma zu den Medienvertretern spielt eine sehr große Rolle. Wir sind nun seit Jahren in diesem Business mit dabei und es ist einfach klasse, wenn wirklich alles Hand in Hand läuft.

Und ehrlich gesagt, wundert es mich wirklich, dass dennoch alles so funktioniert wie es das eben tut. Mir kommt das Musikgeschäft manchmal wie Prostitution vor. In beiden Fällen ist die eigentlich ausschlaggebende Sache käuflich, es herrschen eine Menge Intrigen und Geld ist auch mit beidem verdient. Es ist immer nur eine Frage, wer sich prostituiert.“

Eine Frage des Herzens

Nimmt man die Szene genauer unter die Lupe, sind es wohl in erster Instanz die großen Labels, die hier mit der imaginären Handtasche winken. „Klar, denn in diesem Fall geht es nur um die Kohle. Allerdings kann man die Musiker selbst auch als solche betrachten. Der Unterschied von manchen Künstlern zu Major-Labels ist lediglich, dass die Musiker mit viel mehr Herz bei der Sache sind und nicht nur wegen des Geldes Musik machen. Hier kann man es eher als Anbiedern betrachten.“
Vielen zum Nachteil gereicht hier auch das blau-äugige Denken, mit einem Deal in der Tasche sei man der kommende King of Rock´n´Roll. „Wir haben anfangs auch so gedacht. Frei nach dem Motto: Nun haben wir einen Plattenvertrag, und es kann nichts mehr schiefgehen. Dieser Enthusiasmus verliert sich allerdings auch wieder sehr schnell. Spätestens, wenn man als Band realisiert, dass man nicht für langfristigen Erfolg vermarktet wird, sondern für die schnelle Mark. Wir waren bei einem dieser Mega-Labels, insofern weiß ich, wovon ich rede. Bei uns hieß es irgendwann:

Die Rolle von Rammstein

‚Jungs, bewegt euch musikalisch mehr Richtung Rammstein‘. Insofern bin ich nicht böse um den Split mit dieser Plattenfirma.“ Abgesehen davon, dass sich die Band auch ihre Eigenständigkeit bewahren möchte, sind es gerade Rammstein, die Albi wohl als letztes kopieren möchte. „Es war nie unsere Art oder unsere Melodie, eine Rammstein-Kopie zu sein. Es wäre mir peinlich, so auf die Bühne zu gehen. Ich wüsste nicht einmal welche Messsage ich rrrrüberbrrringen sollte. Ich bin auch nicht der Meinung, dass Rammstein bei der Entstehung der deutschen Musikszene – bezogen auf die härtere Schiene – eine so entscheidende oder wichtige Rolle gespielt haben. Das wurde eher ein wenig hochstilisiert.“
Wobei Albi auch der Meinung ist, dass es für deutschsprachige Bands nach wie vor ungleich schwerer ist, sich zu behaupten. So sei auf Dauer auch die Neue Deutsche Welle in den `80er Jahren von amerikanischen Labels unterwandert worden und so wieder ins Abseits gerutscht.

Mal länder-bezogen betrachtet

„Auf englische Texte wird einfach nicht so geachtet, weil man sich eben auch davor drücken kann, sie zu verstehen. Bei deutschsprachigen Bands funktioniert das nicht so einfach. Ich verstehe jede Combo, die deutsche Texte verwendet, und nach zwei Jahren desillusioniert aufgibt. Das kleine Licht, das in dieser Richtung in den ´80ern entstanden ist, wurde von der Presse kaputtgemacht. Wie viele deutsche Fans waren beim diesjährigen Dynamo-Festival, und wie viele deutschsprachige dazu im Gegensatz?! Ich bin echt nicht rassistisch eingestellt, ganz im Gegenteil, aber warum ich mir bei Viva acht Stunden am Stück hüpfende und rappende Combos angucken, bei denen fast jeder Song wie der andere klingt, wenn andererseits Deutschland der zweitgrößte Musikmarkt ist? Und in manchen Ländern, Österreich sieht es da ja auch nicht wirklich viel anders aus.
In Frankreich müssen in den Radio-Stationen so und so viel Prozent ein einheimischer Mucke gespielt werden. Das finde ich in diesem Maß auch übertrieben, auch ein bisschen mehr Beachtung für die jeweils eigene Musiklandschaft wäre schon wünschenswert, denn sie hat die gleiche Berechtigung wie alle anderen auch.“
Wer unter diesen Statement nun falsch verstanden hat, dem kann man wohl nicht helfen. Denn nur, weil man die gleichen ‚Rechte‘ wie andere haben will, sollte man nicht gleich in die verkehrte Ecke geschoben werden. Insofern hoffe ich, dass diese Aussage von Albi nicht eine dumpfsinnige Diskussion hervorruft. Und wenn wir schon beim Denken sind: Genau darin sieht der Sänger auch einen Grund, weshalb viele Leute deutschsprachige Musik eher ablehnen. Wie er bereits angedeutet hat, kann man sich in diesem Fall eben nicht davor verstecken, die Aussagen zu verstehen. „Die Leute haben keinen Bock mehr auf Denken.

Wenn Vorurteile an Musik haften bleiben

Man geht der Provokation, das Hirn einzuschalten, lieber aus dem Weg. Man kauft sich auch lieber ein neues Auto, als der eigenen Tochter mal einiges über die Hungersnöte auf der Welt zu erklären. Ich kann es bis zu einem gewissen Punkt verstehen, dass manche so drauf sind und abschalten wollen, aber ich bin eben anders. Das ist eine Frage des Idealismus.“ Richtig scheiße findet Albi es, dass der Neuen Deutschen Härte stets das Vorurteil des Rechtsextremismus anhaftet.
„Die Band, die das eigentlich ins Gespräch gebracht hat, bzw. diese Diskussion durch ihre Texte und Videos entfacht hat, Rammstein, haben nie eine klare Aussage dazu gegeben. Sie haben sich dieser Frage nie gestellt und sind Antworten aus dem Weg gegangen. Selbst die Böhsen Onkelz, die sich ja mittlerweile von der rechten Szene distanziert haben, gaben klare Statements. Und nur mit ehrlichen Aussagen kann man den Leuten die Vorurteile nehmen und sich selbst und andere ins richtige Licht rücken.“

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