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Veröffentlicht am 16.11.2015 von nemesis

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Tierra Santa und ihre Texte Teil 1

Worum geht’s eigentlich in den Texten der Band? Hier mal ein Blick hinter die „Kulissen“. Simpel gesagt, um Geschichte. In einem Interview nahm Sänger Ángel Stellung zu einigen Texten und zum generellen Konzept hinter Tierra Santa, während weiter unten eine theoretische Abhandlung über Ehre, Heldentum und Volksliteratur findet.

Begriffserläuterung

Tierra Santa, das Heilige Land, bezieht sich nach Angaben von Sänger Ángel auf das Mittelalter, größtenteils zentrales Thema der Band. Obwohl die Geschichte Teil unser aller Leben ist, gerät alles Gelernte nach der Schulzeit schnell in Vergessenheit, so Ángel, obwohl. Das Mittelalter war natürlich untrennbar mit Glauben und Ehre verbunden, und der Klerus, dem das Privileg des Lesens uns Schreibens vorbehalten war, bestimmte das Leben der Menschen.

So spiegeln die in den TS-Texten immer wiederkehrenden Begriffe wie fe (Glaube), religión, honor und honra (beides bedeutet ‚Ehre’, Erläuterung siehe unten) nicht unbedingt den persönlichen Glauben der einzelnen Bandmitglieder wider, sondern auf Grund ihrer Bedeutung in dieser Zeit muss die Kirche und ihre Macht natürlich auch permanent Teil der lyrischen Präsentation sein so Ángel. Deshalb werden auch andere Facetten der kirchlichen Geschichte aufgezeigt. Ein Track des neuen Albums handelt beispielsweise von d’Arc (Juana de Arco). Für Sänger Ángel ist es die Geschichte einer Frau im Angesicht des weltweiten Machismos und ihrem Sieg über Männer, selbst über die stärkste, um den sich der Krieg dreht. Nur dies ruft den Neid der Männer hervor, so dass sie kein anderes Mittel mehr sehen als sie auf den Scheiterhaufen zu stellen, so Ángel.

Und so ist dieses Stück für den Sänger auch mehr ein Tribut an Frauen im Allgemeinen.

Der ewigwährende Kampf

El Bastón del Diablo (vom Album Legendario) hat mit der neuen Geschichte und der immerwährenden Auseinandersetzung von Freiheit und Diktatur zu tun, da in allen Zeiten leider nicht immer die Gerechtigkeit am Ende siegte.

TS versuchen immer, diese historischen Teile der Texte mit persönlichen oder aktuellen Bezügen anzureichen. Dies aber nicht nur hinsichtlich einer politischen Auseinadersetzung, sondern beispielsweise auch mit einem der bekanntesten Gleichnisse für die Möglichkeit, seine eigenen Ängste zu besiegen und das Unmögliche möglich werden zu lassen: die Geschichte von David und Goliath, wobei letzterer nicht nur als Riese, sondern auch in unserer aller Leben als Metapher für scheinbar unüberwindbare Probleme gesehen werden kann. Bevor man dieses Problem angeht und es überwindet, so Ángel, muss man zunächst die innere Barriere niederreißen.

Das Biest im Menschen

La Sombra de la Bestia (der Schatten der Bestie) bezeichnet das Biest in uns allen, das wir nur herauslassen müssen, um uns selbst zu treffen, so Ángel. Es ist das nicht zu verleugnende Erbe unserer Herkunft, von dem wir uns mehr und mehr entfernt haben. Für Ángel ist dies eine bedauerliche Entwicklung der Menschheit, denn wenn Menschen in dieser ungerechten Welt, in der Macht immer wichtiger wird, überleben will, wäre es vielleicht besser, man würde sich zurück entwickeln und in wieder die Höhlen ziehen, da der Mensch dann zumindest ums nackte Überleben und nicht mehr wegen der Gier nach Macht kämpfen würde, so Ángel.

Romances

“Romances” stammen aus dem Mittelalter und wurden, ähnlich wie die in unserem Sprachraum bekannten Balladen, oral tradiert, d.h. mündlich vorgetragen. Deshalb sind sie keine Literatur im eigentlichen Sinne, doch in der Neuzeit wurden viele der Romanzen gesammelt und niedergeschrieben. Eine der wichtigsten Sammlungen geht auf Ramón Menéndez Pidal (1869-191968) zurück, der neben einer historischen Grammatik auch den Cantar de mio Cid veröffentlichte.

Diese Romanzen spiegeln deutlich die Tradition, die Geschichte und den Glauben des Landes wieder. So handeln historische Romances von der Auseinandersetzung mit beispielsweise arabischen Eroberern, mit religiösen Konflikten, die aber im Vergleich zu anderen Nationen eher gering waren, sie thematisieren aber vor allem die Vorstellungen Spaniens im Mittelalter, wie beispielsweise das Prinzip der Vergeltung, wo Blutrache anerkanntes und erlaubtes Mittel war. Zentral Bedeutung war aber der Ehrbegriff.

Ehre

Die Germanische Gesellschaft, wie viele andere indo-europäische Kulturen auch, wurde im Mittelalter vom ‚shaming principle‘ bestimmt: die soziale Kontrolle und die begleitenden Sanktionen wurden nicht dadurch erreicht, auf das Schuldgefühl eines Individuums abzuzielen, sondern eher durch ‚public shaming‘. Eindrückliches Beispiel für dieses Prinzip ist zum Beispiel der Wortschatz.

Viele Wörter bezeichneten weniger die subjektive Eigenschaften, die so gut wie gar nicht bekannt waren, sondern sie bezogen sich auf die Außenwelt, vor allem darauf, welchen Platz jemand in der Gesellschaft einnahm, so im Mittelhochdeutschen unter anderem ‚leit‘, welches weniger mit dem heutzutage gemeinten inneren Schmerz zu tun hat, sondern vielmehr mit der konkreten Tat, jemandem Schaden oder eine Verletzung zuzufügen.

Vor allem war dies so bei dem Begriff êre: dieser bezog sich auf die Außenwelt und beinhaltete Anerkennung, Respekt oder sogar Macht. Der Begriff ‚laster‘ bedeutete beispielsweise ‚Scham‘ oder ‚Beleidigung‘, teilweise sogar ‚Schande‘.

Falsch und richtig

Die westliche Zivilisationen, die von dem jüdisch-christlichen Begriff der Schuld geprägt wurden, sind hauptsächlich ‚guilt cultures‘: wenn jemand Verhaltensnormen oder auf andere Art und Weise die Regeln der Gesellschaft verletzte, wurden die eigenen Gefühle des inneren Wertes einer subjektiven Überprüfung unterzogen, sie wurden weniger von der öffentlichen Meinung bestimmt, sondern eher von der eigenen Auffassung, was falsch und was richtig ist. Schuld war in dem Zusammenhang ein Gefühl, das jemand empfand, wenn er falsch gehandelt hatte oder gegen ein Tabu oder eine Norm verstieß, welches sich auf seine Nachkommen übertragen würde. In einer ‚guilt culture‘ kann er seine persönliche Qual bekannt geben.

Schande

Anders hingegen in der sogenannten ‚shame culture‘: hier zögert man, Tabus zu brechen oder gegen die Normen und Gesetze der Gesellschaft zu verstoßen, weil man fürchtet, in der Öffentlichkeit gedemütigt zu werden. In diesem Zusammenhang war nicht die eigene Einschätzung der Tat wichtig, sondern wie das Vergehen von anderen bewertet werden würde. In dieser Gesellschaft ist die Ehre eines Mannes mit seinem öffentlichen Image gleichgesetzt: ‚Ehre‘ bezieht sich deshalb nicht auf sein Inneres bezogen, sondern auf außenstehende Dinge wie sein Name oder sein Gesicht. Falls seine Ehre nach außen hin irgendwie beschmutzt wird, ist auch das öffentliche Bild beschmutzt und sein Wert wird geringer.

Oft ist in einer solchen Gesellschaft Ehre eng mit der Abstammung verbunden, so dass Unehre auf nachfolgende Generationen übertragen wird. Die Qualen beginnen erst wirklich, wenn die Sünde öffentlich bekannt wird. Die shame culture‘ ist also völlig auf Außenwelt ausrichtet. Im Spanischen wird beispielsweise auch zwischen ‚honor’, der nach außen gerichteten Ehre, und ‚honra’, das auf das Innere bezogene Ehrgefühl, unterschieden.

Innen wie außen

Die öffentliche Schande war, wie bereits zuvor erwähnt, die schlimmste Form der persönlichen Misere, vor allem, indem ein Lied über die Missetaten des Beschuldigten vorgetragen wurde und somit seine Schande der Außenwelt offenbart wurde. Die Integrität der Person war das wichtigste, zum Beispiel wäre ein Kämpfer eher gestorben, als die Hilfe anderer zu erbitten (Überleben mit Schande oder mit Ehre sterben), und mit Schande zu leben war kein Leben – es war schlimmer als der Tod.

Es gibt wahrscheinlich keine Gesellschaft, in der eines der Prinzipien ausschließlich vorhanden war, beide waren zu jeder Zeit überall bekannt.

Im mittelalterlichen Europa hingegen ist es sehr wahrscheinlich, dass das ‚shaming principle‘ dominierte.

Die höfischen Gesellschaften Europas setzten das Ideal des Rittertums auf, um das Ideal des Helden zu ersetzen, welches ein weitaus komplizierteres Bild von Scham und Schuld wiedergibt. Auf der einen Seite war das höfische Leben völlig der Öffentlichkeit preisgegeben, die Ehre der Ritter und deren Tugend wurden ständig der Abschätzung anderer ausgesetzt; auf der anderen Seite aber wurde die übertriebene Auffassung von Schande von Kritikern in Frage gestellt. In diesem Zusammenhang wird auch häufig auf Angst der Ritter und ihrer Damen hingewiesen, öffentlich bloßgestellt zu werden. Zeitgenössische Autoren beschwerten sich nicht nur oft über diese Furcht, sie erschien ihnen in einer christlichen Gesellschaft fehl am Platze. Einige Aspekte dieser sehr komplexen Vorstellung des Ritters waren:

Thou shalt believe all that the Church teaches, and shalt observe all its directions.
Thou shalt defend the Church.
Thou shalt not recoil before thine enemy.
Thou shalt make war against the Infidel without cessation, and without mercy.
Thou shalt perform scrupulously thy feudal duties, if they be not contrary to the laws of God.
Thou shalt never lie, and shall remain faithful to thy pledged word.
Thou shalt be generous, and give largess to everyone.
Thou shalt be everywhere and always the champion of the Right and the Good against Injustice and Evil.

Das schrittweise Erscheinen der christlichen Auffassung von Schuld bedeutete die erste Stufe des Zusammenbruchs der ’shame culture‘, während es in der heldischen Auffassung solche Ambivalenzen nicht gibt.

photocredit: https://a3-images.myspacecdn.com/images02/132/6d4a475a122c43d0ad58382d4c93d528/full.jpg

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